Kyūdō 弓道: Die Kunst des japanischen Bogenschießens

Kyūdō 弓道: Die Kunst des japanischen Bogenschießens
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Kyūdō (jap. 弓道) „Weg des Bogens“ ist seit dem 16. Jahrhundert die älteste der japanischen Kampfkünste Bogenschießens und die dem Bushido (jap. 武士道) „Weg des Kriegers“ am nächsten stehende.

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Besonders auffällig ist der langsame Bewegungsablauf, die bei Zeremonien traditionelle eindrucksvolle Bekleidung sowie die erkennbare Handwerkskunst des Bambusbogens und der Bambuspfeile. Lange Zeit war die Bogenschießkunst unter dem Namen Kyūjutsu (弓術 „Bogen-Kunst“) bekannt, bis daraus wie aus vielen Künsten ein „dō“ wurde.

Was ist Kyūdō

Kyūdō hat vieles gemeinsam mit der japanischen Teezeremonie (Chadō oder Sadō: Weg des Tees), Kalligraphie (Shodō: Weg der Schrift), Schwertziehen (Iaidō) und vielen anderen Wegen, die so eindrucksvoll das Herz und den Geist des Japaners widerspiegeln. Kyūdō ist reich an Geschichte und Tradition und ist sehr hoch geachtet in Japan. Viele betrachten Kyūdō als einer der reinsten Wege aller Budokünste (Kriegskunstwege).

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Der Ursprung des Kyūdō Kampfkunst

Kyūdō zählt zu den ältesten der traditionellen japanischen Budokünste. Zusammen mit der Schwertkunst gehörte Kyūdō zur Grundausbildung der Samurai. Der Aufstieg der Kriegerkaste und ihre maßgebende regierende Schicht machten Kyūdō zu einer der wichtigsten Disziplinen der von den Samurai praktizierten Kriegskünsten.

Ursprünglich war also der japanische Bogen eine Jagd- und Kriegswaffe, doch bereits im 8. Jahrhundert in der Nara-Zeit wurde Kyūdō bei zeremoniellen Anlässen ausgeübt. Über hunderte von Jahren wurde das Bogenschießen vom Shintoismus und dem Zen-Buddhismus zusammen mit den praktischen Anforderungen des kriegerischen Bogenschießens beeinflusst.

Konfuzianismus übernahm ein System moralischer Werte (Do) die Vorherrschaft über die Verwendung des Bogens und die damit verbundene Schießtechnik.

Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen und den umfassenden Änderungen in der japanischen Gesellschaft anfangs des 19. Jahrhunderts, verlor das Bogenschießen endgültig seine kriegerische Bedeutung und wandelte sich in eine Disziplin, welche Körper und Geist förderte. Wenn das Schießen im Rahmen des Do geübt wird, so müssen alle Haltungen und alle Bewegungen gemäß genau vorgeschriebenen Vorschriften ausgeführt werden. Das Kyūdō war von je von einem besonderen ästhetischen Bedeutung durchdrungen, welche man paradoxerweise auch in den Schwertern, den Rüstungen und sogar den Bogen beobachten kann. Der Höhepunkt dieses Strebens nach Harmonie: die ästhetische Verbindung zwischen dem Bild des Körpers des Schützen und dem Bogen selbst, welche zu einer perfekten Gesamtheit verschmelzen.

Wie jede gut verstandene Kampfkunst, reicht das Kyūdō über den bloßen Sport hinaus. In der Tat, sobald die Basisbewegungen gelernt sind, beginnt die lange persönliche Suche nach innerer Harmonie und zusammen mit den anderen. Dazu kommt nun das Streben nach Ästhetik, der Beherrschung des Gedanklichen und das sich selbst Übertreffen.
Obwohl das Kyūdō seinen Ursprung im « Weg des du Kriegers » (Bushido) findet, welcher die Würde des Krieges und des Kampfes rühmte, wurde es in modernen Zeiten der Weg des wirklich « redlichen Menschen », der Weg, der zur Freundlichkeit führt. Wenn ein Schütze schießt, so spiegelt seine Gestik so getreu wie möglich das wieder, was er tatsächlich ist. Eine korrekte Lösung des Schusses erscheint, wenn der Bogenschütze das Gleichgewicht in der Wahrheit findet.

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Schusstechnik - Die acht Bewegungsphasen "Hassetsu"

Toshizane Honda, ein Kyūdō -Lehrer an der Kaiserlichen Universität in Tokyo um 1900, koordinierte Elemente des kriegerischen und des höfischen Stils zu einem hybriden Stil, der letztlich als Honda Ryu (Honda-Schule) bekannt wurde. Diese nennt sich Shomen-Stil (Shomen = Heben des Bogens vor der Körpermitte) und hatte Anerkennung in der Öffentlichkeit gefunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die vielen verschiedenen Schulen vereinheitlicht. Es sind zwei vorherrschende Stile entstanden:
  1. Shomen-Stil (zentrales Heben des Bogens) bei dem Wert auf Eleganz gelegt wird
  2. Shamen-Stil (zielgerichtetes Heben des Bogens) dessen Schwerpunkt in der Schießtechnik liegt
Die technischen Unterschiede lassen sich aus der früheren Verwendung erklären, d.h. ob kriegerisch zu Fuß (Bushakei), zu Pferd (Yabusame) oder zeremoniell (Reishakei) geschossen wurde.

Im laufe der Zeit wurden Form, Material und Schießtechnik verfeinert. Die Schusstechnik sowie die aufeinander aufbauenden Haltungen und Bewegungen des Kyūdō sind bis ins Detail vorgeschrieben und bilden den Grundstock für einen harmonischen Übungsablauf. Die Elemente der Körperhaltung und Bewegungsabläufe (kihontai) teilen sich in Grundhaltungen und Grundbewegungen (kihon no dosa). Die Bewegungen können in stehender oder kniender Form ausgeführt werden. Stehen, gehen, sitzen, drehen, aufstehen und absitzen sind einheitlich geregelt, um einen harmonischen Ablauf und das Zusammenspiel in der Gruppe zu ermöglichen.

Hassetsu 八節, die acht Stufen des Schießen, stellen einen vollen, nicht unterbrochenen Zyklus dar. Man kann einen Schuss mit einem Bambuszweig vergleichen, der acht Knoten aufweist. Einerseits kann man die acht verschiedenen Knoten als individuelle Gebilde wahrnehmen, andererseits aber sind diese Knoten durch den Zweig miteinander verbunden und formen somit ein Ganzes - sie gehören zu einem einzigen Zweig.

Hassetsu die acht Positionen. Der Abschluss jeder dieser Hassetsu ist der Beginn des jeweils nächsten:
  1. Ashibumi (足踏み): Setzen der Füße
  2. Dozukuri (胴造り): Ausrichten des Körpers
  3. Yugamae (弓構え): Ausrichten des Bogens
    • Torikake (取懸け): Greifen der Sehne
    • Tenouchi (手の内: Setzen der linken Hand
    • Monomi (物見): Blick zum Ziel
  4. Uchiokoshi (打起し): Heben des Bogens
  5. Hikiwake (引分け): Öffnen des Bogens (Unterpunkt Hekiryū: Sanbun no Ni (三分の二)
  6. Kai (): Voller Auszug (Unterpunkte: Tsumeai (詰合い), Nobiai (伸合い); zusätzlich Hekiryū: Yagoro (やごろ)
  7. Hanare (離れ): Auslösen des Schusses
  8. Zanshin (残心): Zurückbleibende Form
Kyūdō wird oftmals mit Zen-Bogenschießen gleichgesetzt, was nicht ganz richtig ist: Kyūdō ist Bogenschießen und damit keine reine Meditationsübung, wenngleich in manchen Kyūdō-Stilen dem meditativen Aspekt große Bedeutung zukommt.

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Philosophische Aspekte

Im Kyūdō soll im vollen Auszug und bei der Schussabgabe Munenmuso oder Mushin (übersetzbar als „leerer Geist“) erreicht werden.

Übungen haben sich allmählich zu einer den Körper und den Geist im gleichen Masse fördernden Disziplin entwickelt. Durch das Üben werden Konzentration und Koordination geschult, Körperwahrnehmung und Körpergefühl im Allgemeinen gestärkt. Die spirituelle Schönheit offenbart sich in der Darstellung der äußerlichen Formen. Diese ästhetische Sinngebung ist das Wesentliche des Kyūdō; es brachte dem japanischen Bogen seine einmalige Schönheit. Diese Einstellung findet man in der Disziplin des Bogenschießens anderer Kulturen nicht, deren Absicht es ist, das Ziel zu treffen. Dieses Vorgehen ist auch das Fundament der moralischen Werte, welche im Kyūdō einen Weg (Do) der Disziplin gefunden haben, wo die ästhetischen, moralischen und ethischen Werte den Vorrang über die praktische Seite nehmen.

Hideharu Onuma, 9. Dan/Hanshi, hat drei Qualitäten des Treffens unterschieden:
  1. Toteki: Pfeil trifft das Ziel
  2. Kanteki: Pfeil durchbohrt das Ziel
  3. Zaiteki: Pfeil existiert im Ziel
Für die erste Qualität reicht eine gute Technik und Bewegungsform aus. In der zweiten ist eine zielgerichtete Dynamik erforderlich. In der dritten steht vor dem Lösen bereits fest, dass der Pfeil trifft. Diese Qualität kann nur erreicht werden, wenn Körper, Geist und Technik zu einer Einheit verschmelzen.

Das höchste Ziel des Kyūdō

Die Konzepte von Shin, Zen, Bi - Wahrheit, Güte und Schönheit - gelten als absolute Werte für die Übenden. Im Kyūdō stellt die Wahrheit eine Realität vor dem Schießen dar. Die Wahrheit lässt sich nicht täuschen. Die Güte wird als moralischer Wert wahrgenommen. Die Schönheit ist das höchste Ziel aller Künste. Es ist dies eine Form der Wahrheit, welche über die Güte zum Ausdruck kommt.
  • 真 Shin Wahrheit: Es ist ein technisch korrektes, mit der richtigen Gesinnung erfülltes Schießen. Alle religiösen und philosophischen Disziplinen suchen nach einer Erklärung, oder zumindest einer Eingabe vom Wesen der Wahrheit. Im Kyūdō ist die Wahrheit die grundlegende Tatsache des Schusses. Der Pfeil fliegt geradeaus zum Ziel. Das ist die Wahrheit. Doch es besteht ein ewiges Paradoxon: Wahrheit kann nicht verstanden, nicht bestimmt werden. Deshalb ist es wesentlich, dass der Schütze seine innere Beziehung zum Schuss überprüft, denn er ist es, welcher die Wahrheit entstellt und Abstand von ihr nimmt.
  • 善 ZenGüte: Dieser Wert schließt positive Eigenschaften wie Höflichkeit, Mitgefühl, Sittlichkeit und Friedfertigkeit ein. Er könnte mit sozialer und moralischer Kompetenz gleichgesetzt werden. Zen äußert sich in angemessener Haltung und angemessenem Verhalten in allen Lebenslagen, auch bei großem Stress oder in einem Konflikt.
  • 美 Bi Schönheit: Was schön ist, beglückt die Sinne. Sie ist in der besonderen Erscheinungsform und der künstlerischen Gestaltung des japanischen Bogens sowie der traditionellen Bekleidung des Schützen zu finden. . Im Kyūdō stellt der Bogen die ästhetische und geistige Schönheit dar, welche sich im zeremoniellen Schießen (sharei) ausdrückt, dessen Feierlichkeit sich mit der Harmonie der Bewegungen vereint, und mit dem Geist der gleichzeitig bestrebt ist, das Gefühl für Schönheit zu erwecken.
Ausrüstung

Keikogi - die Kleidung

Die Übungskleidung besteht aus folgenden Teilen:
  • Keikogi (auch Dogi oder Gi): Übungshemd
  • Tabi: Zehensocken - Meistens weiß gefärbt, haben diese Socken den in Japan typischen getrennten großen Zeh. Damit schlüpft man umso leichter in die traditionellen Strohsandalen, die Setta
  • Hakama: Hosenrock mit weit geschnittenen Beinen
  • Obi: Gurt aus Stoff ohne Schnalle, trägt sich über Keikogi aber unter Hakama
  • Muneate: Brustschutz für Damen
  • Gake: Handschuh
  • Zori: Zehenschlappen
  • Kimono: traditionelle Kleidung beim zeremoniellen Schießen

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Yumi - der japanische Langbogen

Der japanische Bogen ist ein einfacher, asymmetrischer Bogen ohne Visiereinrichtung oder Pfeilauflage. Der Griff teilt den Bogen in einen längeren oberen und einen kürzeren unteren Teil. Diese ungleiche Teilung gibt dem Bogen vor allem im vollen Auszug (Kai) eine besonders elegante Form. Die Asymmetrie entspricht auch einem klassischen Prinzip der japanischen Ästhetik.

Der traditionelle Kyūdōbogen ist aus mehreren Schichten Bambus und Holz verleimt. Die Länge des Bogens richtet sich nach der Auszugslänge (Yazuka), welche etwa der halben Körpergröße entspricht. Je größer die Auszugs- und Pfeillänge, um so länger der Bogen. Man unterscheidet zwischen der Standardlänge Namisun, Nisun-nobi, Yonsun-nobi, Rokusun-nobi und Hassun-nobi.

Rund um den Bogen


Größe des Kyūdōka
Bogentyp
Länge des Bogens
unter 1.50 m
Sansun-tsumari
2.12 m
1.50 - 1.65 m
Namisun
2.21 m
1.65 - 1.80 m
Nisun-nobi
2.27 m
1.80 - 1.95 m
Yonsun-nobi
2.33 m
1.95 - 2.10 m
Rokusun-nobi
2.39 m
über 2.10 m
Hassun-nobi
2.45 m

Takeya- Bambus Pfeile

Wie der Bogen sind auch die Kyūdōpfeile traditionell aus Bambus. Ein Satz besteht aus zwei Pfeilen. Wobei die Federn beim ersten Pfeil (Haya) gegen den Uhrzeigersinn, beim zweiten Pfeil (Otoya) im Uhrzeigersinn angeordnet sind.

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Yugake - der Handschuh

Der Handschuh ist aus Hirschleder und hat einen verstärkten Daumenteil. In der Regel unterscheidet man zwischen drei Finger- (mitsugake) oder vier Fingerhandschuh (yotsugake).

Den letzte Bogenbaumeister

Der bekannteste Bogenbaumeister findet man in der alten Kaiserstadt Kyoto. Dort ist die Werkstatt des kaiserlichen Bogenbaumeisters der Familie Shibata. Sie zählen zu den letzten Bogenbauern, die ihr Handwerk als Kunst und Aufgabe im Geist des Zen Buddhismus verstehen und von Hand Unikate aus Naturmaterialien anfertigen. Der letzte kaiserliche Bogenbaumeister, Kanjuro Shibata Sensei XXI, ist Meister in der 21. Generation und nicht nur in Japan bekannt für seine „Stradivaris des Bogenbaus". Auch Europäer zählen zu seinen begeisterten Kunden, vor allem Deutsche und Franzosen.

Zitate - Die Kunst und der lange Weg des Kyūdō
„Der wahre Geist des Bogenschießens fühlt sich eins mit allen Dingen; er liebt, was seine Hand berührt und sein Auge sieht. Er selbst empfängt Liebe von allen Dingen im Himmel und auf Erden, die rein und selbstlos sind.“
„Wenn ein Anfänger nicht nach der Wahrheit sucht, wird er nicht studieren, Kyūdō. Wenn ein Anfänger nach Wahrheit sucht aber eine der anderen Eigenschaften fehlt, hat er eine gute Chance, es zu gewinnen.“



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